Robust oder wehleidig

Navid Kermani, der deutsch-iranische Schriftsteller, wurde mal nach einem Rettungserlebnis gefragt. Da erzählte er von einem heftigen Ohrenschmerz. Er schreit. Seine Mutter kommt und nimmt ihn in ihre Arme: «… dieses Gefühl des umfassenden Trostes, das den Schmerz nicht verscheucht, aber nicht mehr als das schlechthin Unheimliche erscheinen liess, dieses Gefühl, mit dem Schmerz nicht mehr allein zu sein …, dieser Umschlag von der bodenlosen Einsamkeit und Verlorenheit in die Geborgenheit und eitle Befriedigung, im Zentrum der Aufmerksamkeit und Liebe zu stehen … Ja, das war Rettung» (Ungläubiges Staunen, S. 92).

Im Schmerz, in der Angst von Liebe getragen zu sein: Das ist Rettung. Auch im christlichen Verständnis ist Rettung mehr als die Lossprechung von Schuld. Es geht um die vielleicht unerklärbare Gewissheit, gerade auch in Schwierigkeiten getragen zu sein – von Mutter oder Vater, von Mann oder Frau, von Freunden, von Gott. Das macht stark und robust.

Modern aber ist es nicht. Heute geht es weniger um Beistand im Schmerz, in der Angst, sondern um die grundsätzliche Vermeidung von Schmerz, Angst, Unsicherheit. All das ist schlecht, muss generell vermieden und umgehend bekämpft werden. Schwierigkeiten, Probleme, Unklarheiten aushalten? Sicher nicht! Sofortlösungen müssen her. Subito!

Instantlösungen sind aber genau das: für den Augenblick – doch nicht nachhaltig. Weil es primär darum geht, den Schmerz, die Angst, die Ausweglosigkeit sofort und unmittelbar loszuwerden. Stark, belastbar, robust werden wird dadurch nicht. Eher wehleidig.

Take good care!
Pfr. Harry Ratheiser